Kemet - Das Land der schwarzen Erde
Vom altaegyptischen Kemet ueber die arabische Alchemie zur modernen Chemie. Warum benannte eine Zivilisation ihr Land nach Stofftransformation?
Die alten Aegypter nannten ihr Land nicht Aegypten - das ist ein griechischer Name. Sie nannten es Kemet (kmt in Hieroglyphen). Uebersetzt bedeutet es "das Schwarze Land".
Die offizielle Erklaerung ist einfach: Der Name bezieht sich auf den fruchtbaren, schwarzen Nilschlamm, der das Nildelta so ertragreich machte. Das Land war schwarz, also nannte man es schwarz.
Aber es gibt einen etymologischen Pfad, der diese Erklaerung erweitert - und in eine unerwartete Richtung fuehrt.
Folge den Woertern durch die Jahrhunderte:
Kemet (aegyptisch: kmt) wird zu keme im Koptischen - der letzten lebendigen Form der aegyptischen Sprache, die noch heute in der koptischen Kirche verwendet wird.
Von keme uebernehmen die Araber das Wort und machen daraus al-kimiya - "die Kunst von Khem". Die arabische Vorsilbe "al-" bedeutet einfach "die/das". Al-kimiya ist also wortwortlich "die Kunst dessen, was in Aegypten getan wurde".
Al-kimiya wird im mittelalterlichen Europa zu Alchemie.
Und Alchemie wird zur Chemie.
Hier wird es interessant: Chemie ist das einzige Wort fuer eine moderne Wissenschaft, das direkt auf den Namen einer antiken Zivilisation zurueckgeht.
Wir sagen nicht "Griechenland-Kunde" zu Philosophie. Wir nennen Mathematik nicht nach Babylon. Astronomie traegt nicht den Namen Mesopotamiens.
Aber Chemie - die Wissenschaft der Transformation von Stoffen - traegt den Namen Aegyptens.
Die konventionelle Lesart sagt: Die Aegypter nannten ihr Land nach der Farbe des Schlamms, und spaetere Kulturen assoziierten dieses Land mit geheimnisvollen Praktiken.
Aber es gibt eine andere Lesart.
Was, wenn die Aegypter ihr Land nicht nach der Farbe benannten, sondern nach dem, was dort getan wurde? Was, wenn "Kemet" nicht "das Land, das schwarz ist" bedeutete, sondern "das Land, das Dinge schwarz macht" - oder anders: "das Land der Transformation"?
Die groessten Geister der Menschheitsgeschichte waren von Alchemie besessen:
Isaac Newton - der Mann, der uns die Gravitationsgesetze gab - verbrachte mehr Zeit mit alchemistischen Experimenten als mit Physik. Ueber 4.000 Seiten seiner alchemistischen Notizen liegen heute in der Cambridge Digital Library. [Cambridge Digital Library - Newton Papers]
Paracelsus - der Vater der modernen Medizin - war ueberzeugter Alchemist. Er glaubte, dass Heilung eine Form der Transformation sei.
Robert Boyle - Begruender der modernen Chemie - praktizierte Alchemie. Er versuchte nicht nur, die Natur zu verstehen, sondern sie zu verwandeln.
Diese Maenner waren keine Narren. Sie waren Genies, die etwas spuerten - etwas, das in den alten Texten verborgen lag.
Die Alchemisten beschrieben ihr Ziel als das Magnum Opus - das Grosse Werk. Es bestand aus vier Stufen:
Nigredo (Schwaerzung) - Zersetzung, Aufloesung des Ausgangsmaterials.
Albedo (Weissung) - Reinigung, Trennung der Elemente.
Citrinitas (Gelbung) - Erwachen, Aktivierung.
Rubedo (Roetung) - Vollendung, das Erreichen des Ziels.
Konventionell interpretiert man diese Stufen als spirituelle Metaphern - Stufen der inneren Erleuchtung.
Aber was, wenn es Prozessbeschreibungen waren? Anweisungen fuer eine chemische Produktion, deren Kontext verloren ging?
Die Alchemisten suchten nach drei Dingen:
Die moderne Wissenschaft hat die Alchemie fragmentiert:
"Wir haben die Werkzeuge behalten, aber den Zweck vergessen."
Im naechsten Unterkapitel betreten wir einen Ort, an dem die Vergangenheit noch riecht. Die Rote Pyramide von Dahshur - wo ein stechender Ammoniakgeruch Fragen aufwirft, die niemand beantworten kann.
Wenn Chemie von Kemet kommt, und die groessten Geister der Geschichte - Newton, Paracelsus, Boyle - ihr Leben der Alchemie widmeten... was wussten sie, das wir vergessen haben?
Wenn Chemie von Kemet kommt, und die groessten Geister der Geschichte - Newton, Paracelsus, Boyle - ihr Leben der Alchemie widmeten... was wussten sie, das wir vergessen haben?