100 Fluesse aus Quecksilber unter dem Berg Li
Das Mausoleum des Qin Shi Huang ist eines der groessten Raetsel der Archaeologie. Niemand wagt es zu oeffnen - denn darin warten Fluesse aus Quecksilber.
Qin Shi Huang (259-210 v. Chr.) war besessen. Nicht von Macht - die hatte er bereits. Er hatte sieben Koenigreiche bezwungen, die Grosse Mauer begonnen und China zum ersten Mal vereint. Seine Besessenheit galt etwas Grösserem:
Er wollte niemals sterben.
Der Kaiser sandte Expeditionen zu den legendaeren Inseln der Unsterblichen. Er konsultierte Alchemisten und Magier. Er nahm Elixiere zu sich - viele davon enthielten Quecksilber.
Die Ironie: Das Metall, von dem er sich Unsterblichkeit versprach, beschleunigte wahrscheinlich seinen Tod.
Etwa 100 Jahre nach dem Tod des Kaisers schrieb der Historiker Sima Qian seine "Shiji" (Historische Aufzeichnungen). Darin beschreibt er das Grab:
[Sima Qian - Shiji]"Palaste und Aussichtstuerme fuer hundert Beamte wurden nachgebaut und der Grabhügel mit ungewoehnlichen Geraeten und wertvollen Schaetzen gefuellt. Handwerkern wurde befohlen, Armbrueste mit automatischen Ausloesern zu installieren, die jeden erschiessen wuerden, der versucht einzubrechen.
Die Hundert Fluesse, das Meer und der Gelbe Fluss wurden mit Quecksilber nachgebildet, und eine Mechanik liess es fliessen.
Oben waren die Sternbilder des Himmels dargestellt, unten die Geographie der Erde."
Ein Mikrokosmos. Das gesamte Kaiserreich in miniatur - unter einem kuenstlichen Himmel, durchzogen von Fluessen aus fluessigem Silber.
Seit den 1980er Jahren hat die Chinesische Akademie der Geologischen Wissenschaften den Boden ueber dem Grab untersucht. Die Ergebnisse sind eindeutig:
| Messung | Wert | Vergleich |
|---|---|---|
| Quecksilberkonzentration | Bis zu 50-fach erhoehte Werte | Normal: < 50 ppb |
| Verteilung | Konzentriert in bestimmten Zonen | Korreliert mit Sima Qians Beschreibung |
| Hoechstwerte | Im nordoestlichen Bereich | Dort beschrieb Sima Qian "das Meer" |
Das Quecksilber ist noch da. Nach ueber 2.200 Jahren.
Die Terrakotta-Armee wurde 1974 entdeckt - einer der spektakulaersten archaeologischen Funde der Geschichte. Aber das eigentliche Grab, 1,5 Kilometer entfernt, bleibt versiegelt.
Die offizielle Erklaerung der chinesischen Regierung:
Die Umstaende von Qin Shi Huangs Tod sind selbst ein Raetsel. Er starb auf einer Inspektionsreise im Jahr 210 v. Chr. Der Premierminister Li Si und der Eunuch Zhao Gao hielten seinen Tod geheim - angeblich, um politisches Chaos zu vermeiden.
Sie transportierten den Leichnam zurueck zur Hauptstadt. Es war Sommer. Um den Verwesungsgeruch zu ueberdecken, beluden sie Wagen mit gesalzenem Fisch.
Der Mann, der sich ein Grab mit Fluessen aus Unsterblichkeitsmetall bauen liess, wurde neben stinkendem Fisch transportiert.
Die Geschichte hat einen Sinn fuer Ironie.
Und doch:
| Aspekt | Qin-Grab (China) | Teotihuacan (Mexiko) |
|---|---|---|
| Quecksilber | Beschrieben in historischen Quellen, durch Bodenmessungen bestätigt | Direkt gefunden |
| Verwendung | Fluesse/Seen im Grab | Seen am Tunnelboden |
| Symbolik | Kosmischer Mikrokosmos | Unterwelt (Mictlan) |
| Zeitraum | 210 v. Chr. | ~250 n. Chr. |
| Status | Versiegelt, ungeöffnet | Ausgegraben |
Zwei Kulturen. Zwei Kontinente. Keine bekannte Verbindung.
Beide verwendeten dasselbe hochgiftige, schwer zu beschaffende Material an ihren heiligsten Orten.
Die konventionelle Erklaerung lautet: Beide Kulturen entwickelten unabhaengig voneinander aehnliche kosmologische Vorstellungen. Quecksilber - fluessig, reflektierend, geheimnisvoll - eignete sich perfekt zur Darstellung von Unterwelt-Gewaessern.
Zufall und Konvergenz.
Aber diese Erklaerung wirft eigene Fragen auf:
Wie kamen beide Kulturen auf die Idee, ein hochgiftiges Material in grossen Mengen zu verwenden? Wer war bereit, fuer rein symbolische Zwecke zu sterben - denn die Arbeiter, die diese Anlagen bauten, ueberlebten wahrscheinlich nicht lange?
Und warum gerade Quecksilber? Es gibt andere reflektierende Materialien. Andere Fluessigkeiten. Warum das einzige Metall, das bei Raumtemperatur fluessig ist?
Quecksilber in Mexiko, Quecksilber in China - zwei Kulturen, die sich nie begegnet sind, verwendeten dasselbe toedliche Metall an ihren heiligsten Orten. Reine Symbolik - oder wussten sie etwas ueber die Eigenschaften des Quecksilbers, das wir erst jetzt wiederentdecken?
Was haben sie gewusst?
Quecksilber in Mexiko, Quecksilber in China - zwei Kulturen, die sich nie begegnet sind. Aber warum verwendeten beide dasselbe toedliche Metall an ihren heiligsten Orten?