Antike Berichte von einer Zeit vor dem Mond
Aristoteles, Plutarch und Apollonios berichten von den Arkadiern - einem Volk, das behauptete, vor dem Mond gelebt zu haben.
In den Archiven der Antike findet sich eine merkwuerdige Ueberlieferung - konsistent ueber 500 Jahre, von fuenf verschiedenen Autoren:
| Autor | Lebenszeit | Werk | Zitat |
|---|---|---|---|
| Aristoteles | 384-322 v.Chr. | Fragment aus Politeia | "Die Arkadier... die das Land bewohnten, bevor es einen Mond gab" |
| Apollonios von Rhodos | 3. Jhd. v.Chr. | Argonautica IV, 264 | "...jene, die vor dem Mond lebten, die Arkadier, die Eicheln assen" |
| Plutarch | 46-120 n.Chr. | Moralia, Quaest. Rom. 76 | "Die Arkadier... von denen gesagt wird, dass sie das Land bewohnten, bevor der Mond am Himmel war" |
| Ovid | 43 v.Chr. - 17 n.Chr. | Fasti II, 290 | "Die Arkadier sollen ihr Land besessen haben, bevor Jupiter geboren wurde, und ihr Volk ist aelter als der Mond" |
| Hippolytus von Rom | 170-235 n.Chr. | Refutatio V, 7 | "Proselenes sind jene, die vor dem Mond waren" |
[Aristoteles Fragment] Alle diese Textstellen existieren. Sie sind philologisch verifiziert, uebersetzt, kommentiert. Die Frage ist nicht ob sie existieren - sondern was sie bedeuten.
Das Fragment, das uns von Aristoteles ueberliefert ist, stammt nicht aus seinen erhaltenen Werken. Es wurde von spaeteren Autoren zitiert - ein Stueck verlorener Weisheit, das nur durch Zitation ueberlebt hat.
[Aristoteles] Was wir wissen:
Die Menschen, denen diese Erinnerung zugeschrieben wird, waren keine obskure Randgruppe. Sie waren eines der bekanntesten Voelker Griechenlands.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Lage | Zentrales Peloponnes, Suedgriechenland |
| Gelaende | Gebirgig, isoliert, schwer zugaenglich |
| Status | Galten als eines der aeltesten griechischen Voelker |
| Selbstbezeichnung | "Autochthon" - aus der Erde selbst entstanden |
| Mythischer Koenig | Arkas, Sohn des Zeus und der Nymphe Kallisto |
| Lebensweise | Hirten, Jaeger, Sammler |
Die Griechen selbst betrachteten die Arkadier als Ureinwohner. Sie waren nicht eingewandert wie andere Staemme. Sie waren "schon immer da".
[Apollonios] In seinem Epos ueber die Argonauten - jene Helden, die das Goldene Vlies suchten - schreibt Apollonios von Rhodos:
"...jene, die vor dem Mond lebten, die Arkadier, die Eicheln assen."
Die Erwaehnung der Eicheln ist bezeichnend. Sie deutet auf eine sehr fruehe, vorlandwirtschaftliche Zeit hin - als Menschen noch nicht von Getreide lebten, sondern von dem, was die Natur bot.
Fuer Apollonios waren die "Vor-Mond-Menschen" also nicht nur alt. Sie waren so alt, dass sie noch vor der Erfindung des Ackerbaus lebten.
[Plutarch] In seinen Quaestiones Romanae fragt Plutarch:
"Die Arkadier, von denen gesagt wird, dass sie das Land bewohnten, bevor der Mond am Himmel war, werden 'Proselenes' genannt."
Er verwendet das griechische Wort Προσελήνοι (Proselēnoi) - woertlich: "die vor Selene (dem Mond) waren".
Das Wort selbst ist aufschlussreich:
| Bestandteil | Bedeutung |
|---|---|
| Pro- | Vor, vorher |
| Selene | Mond (auch die Mondgoettin) |
| -es | Pluralendung (Menschen) |
Proselenes = "Die Vor-Mond-Menschen"
Es ist kein allgemeines Wort fuer "sehr alt". Es ist ein spezifischer Begriff fuer Menschen, die vor dem Mond lebten.
Keine andere griechische Quelle verwendet ein aehnliches Konstrukt fuer andere Voelker. Nur die Arkadier werden so genannt.
[Ovid] Der roemische Dichter Ovid schreibt in seinem Kalender-Werk "Fasti":
"Die Arkadier sollen ihr Land besessen haben, bevor Jupiter geboren wurde, und ihr Volk ist aelter als der Mond."
Interessant ist die Verbindung zu Jupiter (Zeus). In der Mythologie ist Zeus der Vater von Arkas, dem Stammvater der Arkadier. Aber Ovid sagt, die Arkadier seien noch aelter als Zeus selbst.
Das ist mythologisch paradox - und vielleicht absichtlich so.
[Hippolytus] Der fruehchristliche Autor Hippolytus von Rom definiert in seinem Werk gegen die Haeresien:
"Proselenes sind jene, die vor dem Mond waren."
Er schreibt im 3. Jahrhundert n. Chr. - fast 600 Jahre nach Aristoteles. Und er kennt den Begriff noch.
Die Tradition hielt sich also ueber ein halbes Jahrtausend.
Wir haben:
Aber was bedeutet es?
| Interpretation | Argument dafuer | Argument dagegen |
|---|---|---|
| Poetische Uebertreibung | "Sehr alt" als Hyperbel | Warum dann so spezifisch "vor dem Mond"? |
| Kalender-Metapher | Vor der Einfuehrung eines Mondkalenders | Andere Voelker haetten aehnliche Traditionen |
| Kulturelles Gedaechtnis | Zeit ohne Mondbeobachtung | Warum nur bei Arkadiern? |
| Woertliche Interpretation | Fragmente eines aelteren Wissens | Widerspricht der Astronomie |
Keine dieser Erklaerungen ist vollstaendig befriedigend.
Das naechste Unterkapitel untersucht, was der Mond fuer die Erde tut - und was ohne ihn geschehen wuerde.
Fuenf antike Autoren, 500 Jahre Geschichte, eine Ueberlieferung: Es gab eine Zeit vor dem Mond. Aber wie koennte das sein?
Fuenf antike Autoren, 500 Jahre Geschichte, eine Ueberlieferung: Es gab eine Zeit vor dem Mond. Aber wie koennte das sein?